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Damoklesschwert H5N1
Die Vogelgrippe kommt jeden Tag näher an die Schweiz. In den
meisten Nachbarländern finden die Seuchenbekämpfer tote Vögel, die das Virus
H5N1 dahingerafft hat. Auf der deutschen Halbinsel Rügen verhängten die Behörden
gar den Notstand, um eine weitere Ausbreitung des Erregers zu stoppen. In der
Schweiz gilt seit Anfang Woche wieder die Stallpflicht für frei laufende Hühner
und anderes Zucht- und Ziergeflügel.
Katastrophenalarm, Stallpflicht, der Aufbau einer medizinischen Vorsorge: alles
gut und richtig. Doch das Vogelgrippe-Virus H5N1 lässt viele Fragen offen. Auf
das Wann, Wo und Wie die Krankheit auf den Menschen übergeht kann niemand eine
Antwort geben.
Frühere Pandemien analysieren
„Vor der Vogelgrippe habe ich keine Angst“, sagt Roland Regoes aus der Gruppe
für theoretische Biologie vom ETH-Institut für Integrative Biologie. Auch er
kann die Fragen nicht beantworten, obwohl er sich in seiner Forschungsarbeit mit
der Populationsdynamik von Infektionskrankheiten befasst. Einige wichtige
Erkenntnisse lassen sich jedoch aus Forschungsarbeiten über frühere Pandemien
ableiten.
Das genetische Material eines Grippe-Virus besteht aus acht Segmenten. Wenn nun
ein Mensch oder ein anderer Zwischenwirt wie das Schwein gleichzeitig mit zwei
verschiedenen Grippen infiziert ist, dann könnten diese je acht Stränge
untereinander neu zusammengewürfelt werden und so ein Virus entstehen lassen,
das mit neuen Eigenschaften auftreten würde. „Das war bei der Asiatischen Grippe
von 1957 und der Hongkong-Grippe von 1968 so“, erklärt Regoes. Die gängige
Lehrmeinung sei deshalb lange Zeit von dieser sogenannten Reassortierung des
Virusgenoms ausgegangen. „Dazu braucht es immer eine Doppel-Infektion des Wirts
mit verschiedenen Grippeviren, im aktuellen Fall also müsste ein Mensch oder ein
anderer Zwischenwirt einen Vogelgrippe- und einen Saisongrippevirus gleichzeitig
in sich tragen.“
Mutanten für Pandemie verantwortlich
Wissenschaftler hätten, räumt Regoes ein, einen weiteren Mechanismus entdeckt,
der bisher nicht für Pandemien verantwortlich gemacht wurde und der es einem
Vogelgrippe-Erreger erlaubt, rasch die Mensch-Mensch-Übertragung zu ermöglichen:
Mutation. Dazu haben Forscher den Grippevirus der berüchtigten Spanischen Grippe
von 1918 wieder zusammengebaut, und sie haben dessen genetischen Code genau
studiert. Dabei haben sie gesehen, dass dieses Virus rund ein Dutzend
Mutationen durchlaufen hat, um von einem Vogelgrippevirus zu einem für Menschen
hoch virulenten Grippeerreger zu werden. Tests mit Mäusen hätten gezeigt, dass
der Erreger der Spanischen Grippe zu den pathogensten Grippe-Viren aller Zeiten
gehört habe, so Regoes. Eine Eigenschaft, die das Virus seiner Fähigkeit
verdankte, die ganze Lunge zu infizieren, während saisonale Grippeviren nur den
oberen Lungentrakt befallen.
Dunkelziffer relativiert Virulenz
Regoes bezeichnet das Virus H5N1 als sehr virulent. Der Erreger töte viele Opfer
und bei Vögeln breite er sich gut aus. Ausserdem habe das Virus in Vögeln schon
etliche Male mutiert. Dies erhöhe seine Chancen, sich auf Menschen besser
einzustellen. Bisher ist dem Virus genau dies noch nicht gelungen. Die
sporadischen Übertragungen aber hatten es in sich. Offiziellen Angaben zufolge
ist die Hälfte der weltweit 120 infizierten Personen an der Infektion mit H5N1
gestorben. „Allerdings weiss man nicht, wie viele Menschen effektiv angesteckt
wurden“, gibt der Forscher zu bedenken. Eine neue Studie , die sich auf eine
Bevölkerungsbefragung in Vietnam abstützt, geht von 800 Infizierten und 40
Opfern in diesem Land aus. Das würde die hohe Sterblichkeit um den Faktor zehn
verringern.
Eine Dunkelziffer von Infizierten, die nicht erfasst wurde, deutet
Virus-Forscher Roland Regoes aber eher positiv als negativ. Eine unbekannte Zahl
von Kranken könne auch auf eine niedrigere Virulenz von H5N1 in Menschen
hinweisen. Diese Eigenschaft werde aber durch eine einfachere Übertragung von
Vogel zu Mensch, kompensiert.
Auch Modelle von anderen Krankheitserregern, die von Tieren auf den Menschen
übergegangen sind, erlauben Rückschlüsse auf die Vogelgrippe. Solche Modelle
haben Regoes und Kollegen unter anderem für HIV, SARS und Affenpocken berechnet,
für die Vogelgrippe selbst (noch) nicht. Diese Modelle zeigten, dass nicht
jeder Erreger tierischen Ursprungs bei Menschen automatisch zur Epidemie wird.
Die Besiedelung des Menschen geschieht gemäss diesen Modellen zufällig aus einem
natürlichen Reservoir des Krankheitserregers. Danach werden von einem
infizierten Menschen zufällig weitere Menschen angesteckt. Kann das Pathogen
nicht mutieren und sein Wirt weniger als einen weiteren Wirt anstecken, dann
sterben die Krankheitserreger aus, ohne eine Epidemie zu verursachen. Eine
Epidemie entsteht erst dann, wenn sich der Erreger im Wirt mit grosser
Wahrscheinlichkeit weiter entwickeln kann und wenn solche Weiterentwicklungen
aufgrund von Zufallsereignissen nicht wieder aussterben. Wichtig sind dabei auch
Änderungen der Lebensweise des Wirtes und die Anpassungsfähigkeit des
Krankheitserregers.
Bei der Immunschwäche AIDS gehen die Forscher davon aus, dass das Virus HIV
immer wieder von Affen auf Menschen übertragen worden ist, sich aber nicht
durchgesetzt hat. Erfolgreich wurde der Erreger erst, als sich ökologische
Faktoren, in diesem Fall die Mobilität der Infizierten, markant änderte. Durch -
ökologisch gesprochen - höhere Migrationsraten sei das HI-Virus effizienter
übertragen worden, sagt Regoes, und habe sich in der menschlichen Population
halten können. Das sei allerdings nur eine Theorie.
Grosses Viren-Reservoir vorhanden
Für die Vogelgrippe könnte das bedeuten: Je mehr Vögel mit H5N1 angesteckt sind,
desto grösser ist das Reservoir für verschiedene Varianten von
Vogelgrippe-Viren. Und je mehr Menschen engen Kontakt haben mit Vögeln, desto
grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Virus überspringen kann, das sich
in seinem Wirt weiterentwickeln kann und schliesslich zum hoch pathogenen Killer
wird.
Regoes vermutet deshalb, dass eine Pandemie allenfalls in einem Land entstehen
wird, wo Leute eng mit Vögeln zusammenleben, also eine grosse Kontaktrate
gegeben ist, und wo die Infrastruktur des öffentlichen Gesundheitswesens
schlecht ist, so dass die Übertragungswege nicht unterbrochen werden können.
„Die ungleiche Infrastrukturverteilung fördert die schnellere Ausbreitung“, ist
er überzeugt. In der Schweiz müsse man sich aber keine allzu grossen Sorgen
machen. Eine mögliche Pandemie breche wohl trotz Vogelgrippe-Alarm in
Deutschland eher in Südostasien aus. „Wir hätten noch genügend Bedenkzeit.
Trotzdem ist es gut, auf eine Katastrophe vorbereitet zu sein.“
"Peter Rüegg, ETH Life, tägliche Webzeitung der ETH Zürich"
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